Urgestalten der Dieburger Fastnacht

Von Verrer Gunkes, seiner Frau Bawett und der Holzig Latern

Vor ca. 160 Jahren lebte in Dieburg ein munterer Verrer. Als Verrer bezeichnete man damals quicklebendige Menschen, verbunden mit heimatlichen Dingen, zu Streichen aufgelegt, und keine Kostverächter, wenn einer draufgemacht wurde. Die Verrer waren alle ein besonderer Typ von Mensch. Zu dem Wort Verrer gehörte ein zweites, und das war meistens der Spitzname des Betreffenden.

Den Verrer muss man sich als Hochzeitsbitter vorstellen, der im Auftrag des Brautpaares die Gäste zur Hochzeit einlud, den Brautzug aufstellte und an dessen Spitze marschierte. Dabei sprach er sehr oft in gereimten Versen. Seine Heimkehr war meist eine recht fröhliche, da man ihm überall eingeschenkt hatte. Da es vor 1840 noch keine Straßenbeleuchtung in unseren Städten gab, brauchte er stets eine Laterne, die mit Öl brannte. Die zwar schlecht leuchtende, aber gemütlich wirkende Öllampe hatte einen Docht, der beim Brennen von Zeit zu Zeit mit einer Lichtputzschere gereinigt d.h. beschnitten werden musste. Sonst rußte und roch es zu stark. In einem alten Fastnachtslied erinnert der Vers "Unn des Hin unn des Her, unn die Lischdbudscheer" an die ehemals benutzte Lichtputzschere.

So kann man sich auch unseren Verrer Gunkes vorstellen, den wir als Urtyp der Dieburger Fastnacht bezeichnen können. Von ihm  können wir annehmen, dass er die Zeit unter die Lupe nahm und gute und schlechte Taten seiner Mitbürger jährlich an Fastnacht zur Freude aller kundmachte. Wenn es in der närrischen Zeit galt, an der Spitze des karnevalistischen Umzuges zu gehen, so war der mit Humor begabte Verrer die geeignete Person. Die anderen Narren folgten unter dem Gesang: "Verrer Gunkes, gäihn mer aach mit, mit de Holzig Latern!"

Der Verrer trug eine Hose ohne Bügelfalte, Wams oder Joppe, Halstuch und Kappe. Als männliche Zierde trug der Verrer einen Backenbart mit ausrasiertem Kinn, aber keinen Schnurrbart. Dies erinnert an eine Verordnung von 1851, wonach es den großherzoglichen Beamten untersagt war, andere Bärte als Backenbärte zu tragen.

 
geisler

Eine solche noch lebendige Figur wie die des Verrer Gunkes musste die spätere Zeit weiter als Tradition pflegen. Die erste Büttenrede, die von Ernst Geisler (Foto links) für die erste Sitzung des KVD zum 13. Januar 1929 verfasst wurde, um darin Geschehnisse aus Dieburgs Mauern in heiterer Form zu glosssieren, trug im Manuskript die Überschrift "En alte Dieboijer redd".

Nach dem in Wort und Maske wohlgelungenen Start und dem reichen Beifall sagten ein paar Alte, die die Sitzung mitmachten: "Schäi, en richtige Verrer Gunkes!" Und schon acht Tage später, bei einer Wiederholung des Vortrages vor einer anderen närrischen Schar, segelte er unter diesem Titel und blieb so bis heute erhalten.

Zur Bereicherung des Vortrags wurde sein treues Weib Bawett erfunden und ihm seit 1937 zur Seite gestellt. Bis dahin hatte sie nur in früheren Vorträgen Erwähnung gefunden.

 

Aktuell werden Gunkes und Bawett auf den Veranstaltungen des Karnevalvereins von Thomas Buchert und Juliane Kempf (Foto rechts) verkörpert. Damals wie heute wird natürlich in heimischer Mundart vorgetragen - dem Dieburger Dialekt. Auch während der traditionellen Auftaktveranstaltung unserer Fastnacht, dem Äla-Uffweck-Owend, spielt das Gunkes-Paar beim Anzünden der sog. "Holzig Latern" eine Rolle.

Der chronologische Ablauf der Gunkes-Paar-Vorträge und die Darsteller sind aus nachfolgender Aufstellung (unten) ersichtlich.

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Hierzu ist noch anzumerken, dass die Auftritte in den Jahren 1947 und 1948 beim "Carneval-Club" (CC) erfolgten; im Jahre 1951 Ludwig und Agnes Weißbäcker einen gunkesähnlichen Vortrag als "Muntermann und Kätchen" hielten; in den Jahren 1953 und 1954 ebenfalls gunkesähnliche Vorträge durch Ludwig Weißbäcker, Josefine Wick und Hans Enders als "Familie Moutze" gehalten wurden; ab 1955 bzw. 1957 wieder ununterbrochen "Verrer Gunkes und Bawett" im Original in der Bütt erschienen.
 
 Zeitraum Darsteller
   
1929 bis 1936 Ernst Geisler
1937 bis 1938 Ernst Geisler und Greta Löbermann
1939 Ernst Geisler und Agnes Weißbäcker
1947 bis 1948 Johannes Spieß und Katharina Braun
1949 Ernst Geisler und Greta Wissmann
1950 Ernst Geisler und Greta Wissmann mit Hans Enders als Familie Gunkes
1951 Ludwig Weißbäcker und Agnes Weißbäcker
1952 kein Auftritt
1953 bis 1954 Ludwig Weißbäcker und Josefine Wick mit Hans Enders
1955 Hans Enders und Anneliese Blank
1956 kein Auftritt
1957 bis 1959 Hans Enders und Anneliese Blank
1960 Hans Enders und Anneliese Blank mit Robert Thomas als Familie Gunkes
1960 bis 1974 Hans Enders und Anneliese Blank
1975 Anneliese Blank und Monika Enders als "Kunrädche"
1976 bis 1981 Hans Enders und Anneliese Blank
1982 Karlheinz Braun als "Bu" und Anneliese Blank
1983 bis 2009 Karlheinz Braun und Monika Dambier-Blank
ab 2010 Thomas Buchert und Juliane Kempf