Prinzen und Prinzessinnen des Karnevalvereins Dieburg

 

Tollitäten gibt es bei uns schon seit 1928

Der Höhepunkt der Fastnachtsveranstaltungen im närrischen Dieburg ist seit eh und je der große Karnevalszug, der sich am Fastnachtsdienstag durch die Straßen der Stadt bewegt und Zehntausende von Besuchern anlockt. Mittel- und Glanzpunkt dieser Umzüge ist die farbenfrohe Gruppe, die zu den Tollitäten, zu Prinz und Prinzessin, gehört. Ihr Erscheinen künden Fanfarencorps, Gardereiter, Hofkapelle und Prinzengarde in historischen Uniformen an, denen der Prunkwagen folgt. Auf diesem Wagen haben Zeremonienmeisterinnen und der Hofmarschall, dem die Überwachung des reibungslosen Ablaufes des vorgeschriebenen Protokolls obliegt, ihren Platz. Über allen thront das Prinzenpaar, das für die von den Zuschauern dargebrachten Ovationen, die stürmischen Äla-Rufe nach allen Seiten huldvoll dankt.

 

So war es schon 1928, wenn auch in bescheidenerem Maße, als nach dem Krieg und Inflation der Karnevalverein Dieburg wiederum einen Zug erstellte und einen Prinzen mitführen konnte. Ebenso begleiteten Prinzen die Karnevalzüge von 1929 und 1930.

Die wirtschaftlich schweren Jahre der Folgezeit erlaubten dem Verein die Durchführung von Umzügen in größerem Maße nicht. Doch gab es die sog. Kappenfahrten, in Szene gesetzt von unentwegten Fastnachtern, die aber auf den Prinzen verzichten mussten.

Fastnachtsprinz 1928 (Ernst Henkel) mit Gefolge vor Fechenbachpark

 

Prinzenpaar 1939 (Betty Blank und Franz Herz)

Erst 1936 war der Verein in der Lage, die alte Tradition wieder aufzunehmen und einen Prinzen auf den Thron zu setzen. Im Jahre 1939 erscheint erstmals in der Vereinsgeschichte neben dem Prinzen eine Prinzessin.

Leider brachte das genannte Jahr eine Unterbrechung durch Krieg und böse Nachkriegsjahre, so dass erst 1948 der Verein mit einer Eröffnungssitzung seine Tätigkeit wieder aufnehmen und ein Prinzenpaar den Karnevalszug von 1949 begleiten konnte.

An diesem Brauch wurde in all den folgenden Jahren festgehalten - und das bis heute.

 

Das Zeremoniell beim Prinzenempfang hat sich in den letzten Jahrzehnten kaum geändert. Während an anderen Orten das Prinzenpaar in der ganzen Karnevalsaison - auch bei den Sitzungen - in Erscheinung tritt, ist die Dauer der Regierungszeit unseres Prinzenpaares nur auf die drei Fastnachtstage beschränkt.

 

Am Fastnachtsonntag, Punkt 14.11 Uhr verlässt das Prinzenpaar das Bahnhofsgebäude, vor welchem Elferrat, Hofkapelle, Reiter und Prinzengarde Aufstellung genommen haben (Foto rechts).

Viel Volk ist um diese Zeit schon am Bahnhof zusammengeströmt, um das Prinzenpaar zu begrüßen. Noch sind die Personen, die für dieses Jahr die Rolle der Tollitäten übernommen haben, dem Publikum unbekannt. Nur die Herren des Prinzenkomitees sind im Bilde, denn sie haben ja Prinz und Prinzessin gekürt (s. auch unten).

Fastnachtsonntag, 14.11 Uhr

 

Da sie zum Schweigen verpflichtet sind, geht in jenen Tagen ein Rätselraten durch die Reihen der Narrhallesen. Die Enthüllung des Geheimnisses hat daher einen besonderen Reiz.

 

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Verschwunden sind beim Abholen des Prinzenpaares die früher gebräuchlichen hohen Zylinder und der Cut. Elferratsmützen und -mäntel kleiden das Empfangskomitee und die Tollitäten tragen schon am Bahnhofsportal ihre prachtvollen Kostüme.

General der Reiterei und Hauptmann der Prinzengarde melden. Unter den Klängen des Präsentiermarsches schreiten die hohen Herrschaften die Front ab, besteigen ihren Prunkwagen und fahren durch die Straßen in die Innenstadt zur Proklamation.

 

Dort erfolgt die offizielle Begrüßung durch den Vereinspräsidenten, wobei dem närrischen Volke die Tollitäten vorgestellt und ihre klangvollen Namen bekanntgegeben werden, damit jeder weiß, aus welchem erlauchten Geschlecht sie entstammen. Danach überreicht der Bürgermeister dem Prinzen den Schlüssel der Stadt, das Sinnbild der Herrschergewalt, die damit für die Zeit bis zum Beginn des Aschermittwochs auf Prinz und Prinzessin übertragen ist (Foto rechts). Danach erfolgt die Regierungsansprache des neuen Paares. Schunkellieder und vielfache Äla-Rufe lockern die Zeremonie auf.

Übergabe des Stadtschlüssels durch den Bürgermeister

 

KVD-Präsident Dörr (li.) und Hofmarschall Becker

Der jeweils amtierende Hofmarschall (Foto links) ist auch hier für den Ablauf des närrischen Zeremoniell zuständig. Das Kinder-Prinzenpaar, das schon seit den Kindersitzungen dieses Amt begleitet, zählt zu den ersten Gratulanten. Nach einem kurzen Verschnaufen bei der kleinen Kaffeetafel im Sitzungssaal des Rathauses stürzt man sich anschließend ins närrische Treiben auf den verschiedenen Saal- und Freilufteranstaltungen. Hierzu zählen beispielsweise der Närrische Empfang und die Wirtschaftstour durch unsere Lokale am Rosenmontag.

 

Die Relaxphasen für das Prinzenpaar und seinen Hofstaat sind nur kurz. Besonders freut sich das Prinzenpaar natürlich auf den großen Fastnachtszug. Vorbei an Zehntausenden von Zuschauern bewegt sich dieses bunte Spektakel durch die Straßen der Innenstadt. Das Prinzenpaar zum Anfassen ist für die Fastnachter aber auch für die Tollitäten selbst mit das Schönste, was unsere Fastnacht zu bieten hat. Äla-Rufe und Ovationen von Zuggruppen und Zuschauern - ein absolutes Erlebnis für das Prinzenpaar in dieser närrischen 3-Tage-Show, die ein lebenlang unvergesslich bleibt.

Beim großen Dieburger Fastnachtszug auf dem Prunkwagen

 

Den Fastnachtdienstag beschließt der Prinzenball in der Ludwigshall, bei dem die Wogen im wahrsten Sinne des Wortes nochmal überschwappen. Dort machen die Fastnachtsgruppen den Tollitäten ihre Aufwartung. Pünktlich um 24.00 Uhr zieht sich dann das Prinzenpaar mit Gefolge zurück. Drei herrliche Tage gehören der Vergangenheit an.

Am 11.11. treten die Tollitäten offiziell ab - und beim nächsten Fastnachtszug nehmen sie nochmals als Ex-Prinzenpaar teil.

 

In unserem Archiv findest du Fotos und namentliche Auflistungen aller bisherigen Prinzenpaare.

 

Wie wird man nun Prinzenpaar?

Dies entscheiden die Mitglieder des KVD-Prinzenkomitees in mehreren Zusammenkünften nach Vorschlägen, die von dem Komiteemitgliedern in die Besprechungen eingebracht werden. Prinz und Prinzessin müssen natürlich in ihrem Wesen, in ihrer Gestalt, in ihrem Zusammenpassen möglichst identisch sein. Viele weibliche Kandidatinnen, die in ihrer Jugend 19 bis 25 Jahre alt waren, mussten in den sauren Apfel beißen, weil andere "vorgezogen" wurden, andere vorgesehene Prinzessinnen konnten es nicht werden, weil sie "weggeheiratet" waren, weil bisher immer noch die Tradition gilt: die Prinzessin soll ledig sein.

In der Praxis geht die Wahl der Prinzenpaare so zu: Es werden zwei Kandidaten "herausspezialisiert"; sie müssen fastnachtlich angehaucht sein, sollen entweder mit einer Zuggruppe etwas zu tun haben, im KVD aktiv sein, der Prinzengarde, der Tanzgruppe angehören, gewissen Positionen in anderen Vereinen haben und allgemein bei der fastnachtlichen Bevölkerung den Anschein haben, anerkannt zu werden.

Wenn nun die Prinzessin etwa drei Wochen vor Fastnacht von ein oder zwei Komiteemitgliedern "heimgesucht" wird und sie sagt "Ja", dann wird der vorgesehene Prinz "überrascht". Und hat dieser, was kaum vorkam, "Nein" gesagt, dann ist sofort der vorgesehene Ersatzkandidat "dran". Die gewählten Paare, die erst kurz vor Fastnacht gegenseitig erfahren, wer wer ist, haben sich schon immer gefreut, nahmen finanzielle "Aufsiezukommnisse" sofort in Kauf. Die Kostüme werden vom KVD gestellt.

Je nach Bekanntheitsgrad im Privatleben, bei Vereinen und Zuggruppen geben die Prinzenpaare üblicherweise anschließend gewisse "Feten", von denen man nicht genau sagen kann, was diese gekostet haben. Sicherlich kommen da auch noch andere Kleinigkeiten, die wohl nicht zu umgehen sind. Aber alles ist, soweit man dies beurteilen kann, im Rahmen des Möglichen. Schon immer haben auch die Prinzenpaare dem KVD nach der Fastnacht eine Spende zukommen lassen, für dessen Unkosten, die entstehen für die "prinzliche Verpflegung" über die drei Tage.